50 Jahr DaF

1977 – 1986 Sprachliches Handeln statt Sprachlabor – die kommunikative Kompetenz

Blutleere Lehrbuchdialoge
Der Illustrator Theo Scherling stellte damals die Autoren auf der letzten Kursbuchseite als Teil eines außergewöhnlichen, explosiven Geschehens dar, das Spuren hinterlassen hat im DaF-Universum. Wer genau hinsieht, kann auch die Namen entdecken: Neuner, Funk, Häublein, Schmidt, Edelhoff, Wilms, Gerighausen, Scherling, Geiges. (Abbildung mit Genehmigung des Autors und Zeichners)

Blut­leere Lehr­buch­dialoge

Der Mitautor Reiner Schmidt über die An­fän­ge von Deutsch aktiv, dem ersten Deutsch­lehrwerk nach der kommunikativen Methode: „Die Idee lag nahe, sich zusammenzutun und gemeinsam ein neues Lehrwerk für aus­län­di­sche Jugend­liche und Erwach­sene zu kon­zi­pie­ren, das kon­se­quent lern­erorien­tiert sein sollte, die Ler­nen­den als In­di­vi­duen mit eigenem Lern­stil und Lern­er­fah­rungen ernst nehmen sollte mehr lesen

Mit Bildern den Unterricht beleben?
Auf einer Lehrbuchseite aus Deutsch aktiv gab es für Lernende viel zu entdecken (Langenscheidt Verlag, München, 1979, mit Genehmigung des Autors und Zeichners)

Mit Bildern den Unterricht beleben?

„So lange ist es noch nicht her, daß Bil­der neuen Wind in den Unter­richt brach­ten, und schon spre­chen einige von Über­vi­sua­lisie­rung. 1955 kam der legen­däre Schulz-Gries­bach „Deutsche Sprach­lehre für Aus­län­der“ heraus, ein Buch voller Buch­sta­ben und mit ganz wenigen arm­se­ligen Zeich­nungen, die einem helfen zu ver­ste­hen, daß das Schul­zimmer einen Fuß­boden, eine Decke und vier Wände hat, und wo der Unter­schied zwi­schen „herein“ und „heraus“ ist. mehr lesen

Theo Scherling
© Theo Scherling

Mit situativen Kontexten die Lerner motivieren!

DaF50: Herr Scherling, Sie sind ein be­kann­ter Künst­ler, Lehr­buch­ge­stal­ter und Regisseur. War Deutsch aktiv Ihr erstes Lehr­buch­pro­jekt für Deutsch als Fremd­spra­che?

Theo Scherling: Nein, mit Feridun hat alles angefangen. mehr lesen

Die Kontaktschwelle überwinden

Die Kontakt­schwelle überwinden! Der Europa­rat stößt in vier Spra­chen eine ge­mein­sa­me sprach­po­li­ti­sche Ini­tia­tive an: Ein Bau­kas­ten­sys­tem als Grund­lage für ver­gleich­bare Sprach­prü­fun­gen in Eu­ro­pa. Erst kam der Thres­hold Level (1975), dann die fran­zö­si­sche Ver­sion Un niveau-seuil (1976) und 1979 die spa­ni­sche Aus­gabe: Un nivel umbral. Die deut­sche Aus­gabe ent­stand über­wie­gend in der Schweiz, in Frei­burg: Mar­kus Bald­egger, Mar­tin Müller und Gün­ther Schnei­der waren die Au­to­ren. Zurück­blickend wird deut­lich, dass diese Ini­tia­tive bereits als Vor­stu­fe zum „Euro­päi­schen Re­fe­renz­rah­men für Spra­chen“ be­zeich­net werden kann.

Blutleere Lehrbuchdialoge

Der Mitautor Reiner Schmidt über die Anfänge von Deutsch aktiv, dem ersten Deutschlehrwerk nach der kommunikativen Methode: „Die Idee lag nahe, sich zusammenzutun und gemeinsam ein neues Lehrwerk für ausländische Jugendliche und Erwachsene zu konzipieren, das konsequent lernerorientiert sein sollte, die Lernenden als Individuen mit eigenem Lernstil und Lernerfahrungen ernst nehmen sollte (was zur Konsequenz hatte, durchaus unterschiedliche Lernwege – von überwiegend kognitiv bis überwiegend imitativ – zu eröffnen), sprachliches Handeln in der Zielsprache ermöglichen sollte (was die Adaption zentraler Erkenntnisse der Pragmalinguistik zur Folge hatte), möglichst von Anfang an anstatt der realitätsfernen, inhaltlich banalen und nur um Wortschatz- und Grammatikpensen herumgeschriebenen, blutleeren Lehrbuchdialoge (die Heinz Wilms einmal treffend Leer-Texte genannt hat) authentische Texte oder zumindest solche, die so tatsächlich in der Realität begegneten oder begegnen konnten, liefern sollte, was freilich die Gefahr in sich barg, Lernende zum Teil zu überfordern. Aber wir sagten uns: besser partielle Überforderung statt tödlicher Langeweile.

Was aus diesem Vorhaben geworden ist, dürfte bekannt sein: Deutsch aktiv, ein Buch, das Anstoß sein sollte und Anstoß erregte, polarisierte, die endgültige Loslösung vom gedankenlosen Nachplappern und Drillen nach dem Diktat der audio-lingualen Methode einläutete und deshalb später als das Lehrwerk einer „neuen Generation“ apostrophiert wurde (…).“ (Reiner Schmidt, in: Erinnerung an Heinz Wilms, München 1999, S.19f)

Das Lehrwerk kam in einem Moment des Aufbruchs, der gesellschaftlichen Veränderung, didaktischen Neuorientierung und einer Professionalisierung bzw. Verjüngung der Dozentenschaft. Für viele war es das richtige Buch zur richtigen Zeit – nicht zuletzt durch die charakteristische Illustrierung. Für einige ging es zu weit. Für alle war es ein wichtiger Meilenstein. we­ni­ger le­sen

Mit Bildern den Unterricht beleben?

„So lange ist es noch nicht her, daß Bilder neuen Wind in den Unterricht brachten, und schon sprechen einige von Übervisualisierung. 1955 kam der legendäre Schulz-Griesbach „Deutsche Sprachlehre für Ausländer“ heraus, ein Buch voller Buchstaben und mit ganz wenigen armseligen Zeichnungen, die einem helfen zu verstehen, daß das Schulzimmer einen Fußboden, eine Decke und vier Wände hat, und wo der Unterschied zwischen „herein“ und „heraus“ ist.

Zwölf Jahre später (1967) erschien das Lehrwerk Deutsch als Fremdsprache und plötzlich sah man Fotos, die ein Drittel der Seite einnehmen und Menschen in Situationen zeigen. Die Lernenden wissen auf jeden Fall, wo sie sind, wie es in Deutschland aussieht (natürlich nur in Ausschnitten) und wie Einheimische sich in typischen Situationen (am Kiosk, im Büro, auf dem Bahnhof) verhalten.

Wieder 12 Jahre später (1979) tauchte Deutsch aktiv auf, und man suchte anfangs vor lauter Bildern und Zeichnungen irritiert nach dem Text, bis man merkte, daß der quasi in die Bilder hineingeschrieben ist und mit ihnen zusammen Verständigungsanlässe aufbaut, in die die Lernenden hineingezogen werden sollen.

Das visuelle Material ist seitdem in das Zentrum des Unterrichts vorgerückt; es läßt Handlungsrahmen, Kommunikationsräume entstehen, deutet Themen, Rollen, Intentionen, Stimmungen und Tonlagen an, es schafft Situationen und gibt sie nicht unabänderlich vor.

Bilder bauen Szenarien, ebnen Textverständnis, steuern Übungen, erklären strukturelle Zusammenhänge („Signalgrammatik“). Sie sollen Lernende aktivieren, ihre Erfahrungen anregen, sie ermutigen, auch mit noch geringer Sprachkompetenz Äußerungen zu wagen. Hier zeichnet sich eine Abkehr vom vorfabrizierten, fertigen Sprachprogramm ab, das nur noch „nachgearbeitet“ werden kann.“ (Heinz Wilms, Vorwort in „Mit Bildern lernen“, München, 1992 – mit Genehmigung des Autors) we­ni­ger le­sen

Mit situativen Kontexten die Lerner motivieren!

DaF50: Herr Scherling, Sie sind ein bekannter Künstler, Lehrbuchgestalter und Regisseur. War Deutsch aktiv Ihr erstes Lehrbuchprojekt für Deutsch als Fremdsprache?

Theo Scherling: Nein, mit Feridun hat alles angefangen. 1975 lernte ich bei der Eröffnung meiner Ausstellung „Gastarbeiter“ im Münchner Kunstverein die beiden Autoren Viktor Augustin und Klaus Liebe-Harkort kennen. Ihre Frage „Machst du auch Illustrationen?“ irritierte mich, immerhin waren wir ja auf einer „Kunstausstellung“. Aber das Projekt begeisterte mich sofort und so entstand Feridun – ein Lesebuch und Sprachprogramm nicht nur für Türken, wie es im Untertitel heißt. 1978 erschienen die Blasengeschichten im Deutschen Volkshochschulverband, eine Sammlung von Bildergeschichten zum freien bzw. gesteuerten Vertexten. Die Autoren waren Viktor Augustin und Klaus Haase. Ich hatte also meine ersten Gehversuche absolviert, bevor 1979 Deutsch aktiv erschien.

DaF50: Gibt es ein besonderes Erlebnis oder Ereignis, das Sie untrennbar mit der Entwicklung von Deutsch aktiv und der Zusammenarbeit in einem großen Autorenteam verbinden?

Theo Scherling: In der Regel bekommt man als Illustrator fertige Texte, die quasi „nachillustriert“ werden. Bei der Arbeit an Deutsch aktiv hatten die Bilder von Anfang an den gleichen Stellenwert wie Texte. Oft gab es von Autorenseite nur eine Situationsidee, die ich visualisierte und dazu wurde dann – vor allem von Heinz Wilms – der Text verfasst. Diese enge Verzahnung von Bild und Text ergab authentische Situationen, spontan, frisch, manchmal frech. Und ich glaube, den augenzwinkernden Spaß, den wir dabei hatten, kann man heute noch sehen.

DaF50: Deutsch aktiv ist vor über 38 Jahren erschienen, Sie sind weiterhin aktiv in die Lehrwerksentwicklung eingebunden, was hat sich verändert?

Theo Scherling: Die Freiräume, besser gesagt Spielräume, bei der Lehrwerksgestaltung sind vielleicht kleiner geworden, dafür aber umso spannender: Unterricht findet nicht mehr bloß auf der Buchoberfläche statt. Mit Nutzung der Medien wie z.B. Online-Angebote über Smartphones, Tablets u.a. stehen vielfältige neue Lernmöglichkeiten zur Verfügung. Und Lehrwerksmacher müssen darauf reagieren, oder um den alten Spruch zu zitieren: „Wir müssen die Lerner da abholen, wo sie stehen.“ Für mich heißt das vor allem, die visuellen Elemente der Lehrwerke den (neuen?) Sehgewohnheiten der Zielgruppe anzupassen. Für die Youtube-Generation schaffen wir über bewegte Bilder, ob gezeichneter Trickfilm oder Videoclip, neue Kommunikationsräume. Das Lernziel bleibt aber das gleiche: Mit situativen Kontexten die Lerner motivieren!

DaF50: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch! we­ni­ger le­sen

Die kommunikative Methode

Diese Methode kam über die Anglisten nach Deutschland. Das Ziel der kurzfristigen Anwendung des Gelernten in Situationen bot sich gerade für die neue Zielgruppe der Gastarbeiter an, deren pragmatische Bedürfnisse beim Deutschlernen damit schneller erfüllt wurden: zuerst lesen, verstehen und sprechen und erst in zweiter Linie sich schriftlich ausdrücken und die Sprache grammatikalisch korrekt nutzen.

Es war ein Paradigmenwechsel: Die Lehrmethoden änderten sich, der DaF-Unterricht – gerade in der VHS-Welt – wurde immer professioneller. Das Sprachhandeln wurde immer wichtiger, Lehrer verstanden ihre Aufgabe nicht nur als Wortschatz- und Grammatikvermittlung.

Der DaF-Unterricht musste sich zum ersten Mal mit einer Zielgruppe auseinandersetzen, die keine oder kaum Fremdsprachenlernerfahrung hatten, für die die Fremdsprache aber existenziell wichtig war. (Quelle www.erwachsenenbildung.at / Download 18.12.2016) zurück