50 Jahr DaF

1987 – 1996 Von der Sprachbrücke zum Sichtwechsel

In Lilaland fällt Deutschlernen leicht

In Lilaland fällt Deutschlernen leicht

„Lilaland“ ist eine Metapher für den interkulturellen Ansatz des Lehrwerks Sprachbrücke. Dieses viel beachtete Lehrwerk wollte vor allem für den DaF-Unterricht außerhalb von Deutschland einen ganz neuen Schwerpunkt setzen. „Das Erlernen einer Fremdsprache, die nicht als lingua franca (internationale Verkehrssprache) gebraucht wird – dazu gehört Deutsch in den zielsprachenfernen Ländern ohne Zweifel – muss dazu beitragen, dass der Schüler die fremde Welt, die ihm im Unterricht begegnet, besser verstehen lernt und dass aus der Auseinandersetzung mit der fremden Welt die eigene Welt deutlichere Konturen annimmt.“

(Neuner/Hunfeld, Methoden des fremdsprachlichen Unterrichts. Eine Einführung. Kassel 1993, S. 108)

Ein deutsches Nein heißt Nein

Ein deutsches Nein heißt Nein

Musterseite aus Sprachbrücke 1

deutsche Einladung

Interkultureller Ansatz …



… Für Lehrende wird dieses Thema in der Fernstudieneinheit 6 - Routinen und Rituale in der Alltagskommunikation (München, 1993) erklärt und in den Kapiteln praxisbezogen vermittelt: „Für das Erlernen einer Sprache ist es zunächst einmal wichtig, daß man ihre Wörter, ihre Aussprache und ihre Grammatik lernt. Das reicht aber oft nicht aus: Grammatisch korrektes Sprechen bedeutet nicht automatisch, daß die Kommunikation gelingt. Jede Sprache hat neben ihren grammatischen Regeln auch Regeln und Redemittel dafür, wie man sich begrüßt, wie man sich verabschiedet, wie man jemanden lobt oder kritisiert, wie man Höflichkeit ausdrückt und vieles mehr, kurz: wie man in einer bestimmten Situation etwas sagt oder schreibt. Solche Rede- und Satzformen nennt man auch sprachliche Routinen; einige davon sind sehr genau festgelegt, man spricht dann häufig von Ritualen. Sprachliche Routinen und Rituale sind von Land zu Land, von Sprache zu Sprache sehr verschieden. Sie sind oft nur vor dem Hintergrund einer bestimmten Kultur zu verstehen: Das macht sie auch für das landeskundliche Lernen sehr interessant und wichtig.“ (Auszug aus FSE 6, 1993, S. 4)

Ein innovatives Projekt vom Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel und dem DIFF (Deutsches Institut für Fernstudien in Tübingen).

Die Fernstudieneinheiten

Konzipiert für DaF-Lehrende und Studierende, fand das Programm schnell weltweite Verbreitung. Es war ein wichtiger Beitrag zur Professionalisierung des DaF-Unterrichts und wurde in vielen Ländern adaptiert. Nach der Öffnung Ost- und Mitteleuropas kam die Reihe genau zur rechten Zeit. Sie war die Grundlage vieler Maßnahmen zur Lehreraus- und -Fortbildung, die maßgeblich durch das Goethe-Institut initiiert wurden und in vielen Ländern und Biografien sehr positive Spuren hinterlassen haben.

Alles Gute

Interessantes Detail am Rande:
Auch Inter Nationes, ein Verein, der seit 1951 In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­alien und eben auch Filme für das Aus­land erstellte, wurde von den Ver­än­derungen erfasst: Im Jahr 2000 gab es zunächst einen Zusammen­schluss mit dem Goethe-Institut, dann verschwanden die Institution und der Name fast völlig.

Die Mauer im Film, ihr Fall im Lehrbuch

Noch kurz vor dem Mauerfall erscheint der Fernsehsprachkurs Alles Gute,

… herausgegeben von Inter Nationes in Bonn. Der Kurs wird weltweit ausgesendet und ergänzende Begleitbücher erscheinen in vielen Sprachen, wie z.B. Lettisch, Slowakisch, Tschechisch, Polnisch, Ungarisch usw. Im Film besucht ein amerikanischer Filmschauspieler die Mauer – vor dem Mauerfall. Im Lese- und Arbeitsbuch, das erst 1991 nach der Wende erschien, bekommen die Lernenden Informationen über den Fall der Mauer. Die aktuelle politische Veränderung verläuft also quer durch das Projekt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Reihe nach über 25 Jahren immer noch ihre Fans (auf Youtube) hat.

Ausschnitt aus dem Begleitbuch (1989)
Ausschnitt aus dem Lese- und Arbeitsbuch (1991)

1988 Die Zahl der Aussiedler steigt sprunghaft an!

Schon vor der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ kamen seit 1988 vermehrt Aussiedler, d.h. Nachfahren deutscher Aussiedler aus Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie, nach Deutschland. Durch diesen Zuzug Deutschstämmiger aus Polen, den Republiken der früheren Sowjetunion und aus Rumänien stieg die Zahl der Aussiedler sprunghaft an und erreichte 1990 mit fast 400.000 Menschen einen Höhepunkt.
Für diese Gruppe entwickelte das Goethe-Institut ein Curriculum und es gab in den Volkshochschulen viele Kurse, die sich ausschließlich an diese Zielgruppe richteten. Das Lehrwerk Neuer Start ging dabei den Weg, sich auf zwei Hauptzielgruppen zu konzentrieren, auf die russischen und polnischen Aussiedler, und kontrastiv vorzugehen.
Beide slawischen Sprachen haben viele gemeinsame bzw. ähnliche Wörter (Fabrik, Technik, Theater, Musik, Politik, Elektriker usw.), die den Einstieg in die Fremdsprache Deutsch erleichtern können. Auch im Falle von Neuer Start wird deutlich: Die verschiedenen Zielgruppen und deren Anforderungen sowie Lernvoraussetzungen kommen immer stärker in den Fokus der Lehrwerksautoren und -Verlage und damit auch auf die Lehrwerksoberfläche.
Der Mauerfall und die Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ führte zu einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach Deutsch als Fremdsprache. In Deutschland waren es die Aussiedler aus Russland, Polen und Rumänien, für die neue Lehrbücher entwickelt wurden. In Osteuropa gab es plötzliche eine Nachfrage nach Lehrwerken für DaF, die den neuen politischen Verhältnissen entsprachen. Viele Russischlehrer wurden umgeschult – u.a. mit Hilfe der Fernstudieneinheiten (s.o.), um die neue Nachfrage nach Deutsch als Fremdsprache zu befriedigen.

Prof. Dr. Gerhard Helbig
Prof. Dr. Gerhard Helbig

Ein weiterer historischer Meilenstein

Der Beitrag der DDR zum Fach DaF wurde im Westen wahrgenommen und anerkannt. Das Herder-Institut, die Zeitschrift „Deutsch als Fremdsprache“ und sein Herausgeber Prof. Helbig meldeten sich in der internationalen Debatte zu Wort. Besondere Wirkung zeigte dabei die Deutsche Grammatik von Gerhard Helbig und Joachim Buscha, deren linguistischer Ansatz, resultats- und regelorientierte Darstellung einen neuen Standard von Systematik und Transparenz signalisierte.
Diese erschien zusammen mit der Kurzgrammatik und der Übungsgrammatik 1991 im Langenscheidt-Verlag in einer überarbeiteten Fassung. Geändert wurden vor allem die Beispiele, die sich in der alten Ausgabe natürlich sehr stark an der DDR-Wirklichkeit und Ideologie orientierten. Die Grammatik gehört weiterhin weltweit zu den Standardwerken, wurde wegen der Einführung neuer Rechtschreibregeln nochmals bearbeitet und ist im Programm des Klett-Verlags lieferbar.

Beispielsätze im Spiegel der Zeit:

vor der Wende (Kurze deutsche Grammatik für Ausländer, Leipzig 1974, S.199)
Er kämpft nicht nur für den Frieden, sondern auch für den Sozialismus.
(= Er kämpft für den Frieden und für den Sozialismus.)
nach der Wende (Leitfaden der deutschen Grammatik, München 1991, S. 211)
Er ist nicht nur ein guter Wissenschaftler, sondern auch ein ausgezeichneter Lehrer.
(= Er ist ein guter Wissenschaftler und ein ausgezeichneter Lehrer.)
vor der Wende
Der Wartburg ist ein moderner Mittelklassewagen. Wir fliegen mit der TU 154.
nach der Wende (S. 169)
Der Ford Puma ist ein moderner Mittelklassewagen. Wir fliegen mit der Boeing 757.

Deutsch­mobil in Osteuropa

Das Deutsch­mobil ist ver­mut­lich das am meisten ver­brei­tete deut­sche Lehr­werk in Schu­len Osteuropas gewesen. Die schnelle Pro­gression kam dabei den Lern­ge­wohn­hei­ten in ost­euro­päischen Schulen sehr zugute. Die attraktiven Illustrationen und an­sprechen­den The­men waren für vie­le Leh­rer und Ler­ner eine me­tho­disch-didak­tische Revo­lution. Das Lehr­werk ist teil­weise bis heute in den Schu­len Russ­lands und anderer ost­eur­opäi­scher Staaten beliebt und ver­brei­tet.

Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger ein DaF-Autor?

Ein Deutschlehrwerk mit Texten von H. M. Enzensberger und Peter Schneider!
Eine sehr außergewöhnliche Idee, die in den 90er-Jahren mit Die Suche Realität wurde und für Aufsehen gesorgt hat. Es gab überzeugte und langjährige Anhänger des Lehrwerks – in Paris, Barcelona, São Paulo und in Japan. Das Lehrwerk motivierte zum Lesen und kreativen Schreiben und war für manche Kurse ein absoluter Höhepunkt. Auf breiter Ebene konnte der Ansatz aber mit den literarischen, sehr ungewöhnlichen und nicht immer alltagsnahen Texten nicht überzeugen.
Michael Schart, Die Suche – ein Nachruf. Das „andere Lehrwerk“ aus der Sicht japanischer Studierender (2005) Mit keinem anderen DaF-Lehrwerk macht mir selbst das Unterrichten so viel Freude wie mit Die Suche. Und dass Lehrende von den Materialien überzeugt sind, die sie ihren Lernenden zumuten, gehört zweifellos zu den grundlegenden Voraussetzungen erfolgreichen Unterrichts. (…) Wenn die Konzeption von Die Suche am Lehrbuchmarkt auch scheiterte, so hinterlässt sie doch ein Erbe, das Autorinnen und Autoren von Lehrmaterialien für den Anfängerunterricht inspirieren sollte. Dem „anderen Lehrwerk“ gelingt zum Beispiel, was bei den meisten seiner Konkurrenzprodukte als ein uneingelöster Anspruch gelten muss: Die Texte werden nicht durch die Dominanz grammatischer Progressionen und starrer Wortschatzlisten verformt.

Sichtwechsel

Sichtwechsel

„Zwei Generationen DaF-Lernende haben mit Sichtwechsel Sprachsensibilisierung und Kulturvergleich ‚gelernt‘ und ihre Unterrichtspraxis hat davon profitiert.
Den Funken aufgegriffen und weitergetragen haben einige Autorenteams von DaF-Lehrwerken. Genannt seien hier das Grundstufenlehrwerk Sprachbrücke (1987/1989), das Arbeitsbuch Typisch Deutsch? (1993), das Mittelstufenlehrwerk Unterwegs (1998) und das Grundstufenlehrwerk Dimensionen (2002/2003/2006).“
(Eva Maria Jenkins-Krumm, in: Standpunkte und Sichtwechsel. Festschrift für Bernd Müller-Jacquier zum 60. Geburtstag. München 2009)

Das Lehrwerk ist für den DaF-Unterricht mit Erwachsenen im Ausland konzipiert. Es folgt einer doppelten Progression: Sprachenlernen und Lernen von kulturspezifischen Inhalten bilden eine Einheit, zumal durch Nachdenken über die deutsche Alltagskultur die eignen kulturellen Gewohnheiten bewusst und relativiert werden. Ebenso müssen sich natürlich die Lehrenden um einen „Sichtwechsel“ bemühen, d.h. sie müssen bereit sein, das Eigene und das Andere mit anderen Augen zu betrachten, was bedeutet: Die KursleiterInnen sind dazu angehalten, die kulturellen Identitäten der LernerInnen kennenzulernen und verstehen zu lernen. Das ist ein hoher, aber gleichwohl richtiger Anspruch für antirassistischen/interkulturellen DaF-Unterricht. Das Ziel des Lehrwerks ist, dass die LernerInnen eine umfassende Verstehens-Kompetenz erwerben, indem sie die durch die andere Kultur geprägten Denk- und Verhaltensweisen der muttersprachlichen KommunikationspartnerIn erkennen und darauf reagieren können. Sie lernen nicht nur die Sprache, sondern erwerben auch die Qualifikation, sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden und entsprechend verstehen und reagieren zu können – eine Qualifikation für die WeltbürgerIn. (Manfred Huth, Spanien, in: www.manfred-huth.de/fbr/lit/interlk.html)